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Disruption im Musikbusiness

Disruption im Musikbiz – die German Angst vor der Digitalisierung

Das Wort Disruption klingt gefährlich, besonders wenn es mit der Digitalisierung in Verbindung gebracht wird. Aber keine Angst: In diesem Artikel erklären wir am Beispiel der Musikbranche, warum das alles nur halb so schlimm ist.

Unter dem Begriff Disruption versteht man technische Entwicklungen, die ein bestehendes Produkt oder eine Dienstleistung teilweise oder ganz verdrängen. Einfache Beispiele: Das Verschicken von Textnachrichten über WhatsApp hat die SMS größtenteils verdrängt. Die E-Mail hat das Schreiben von Briefen altmodisch gemacht. Und im Musikbusiness löst der Siegeszug von Musikstreaming-Diensten wie Spotify, Soundcloud und Co. mehr und mehr die CDs als Hauptabsatzprodukt der Branche ab. Disruption ist digital, könnte man bei all diesen Beispielen glauben. Drehen wir die Zeit mal etwas zurück und sehen nach, ob das stimmt.

Wie das Radio die Drehorgel verdrängte

"Radio killed the Drehorgel-Star": Ein interessantes Beispiel für Disruption im Musikbusiness führt uns ins Jahr 1873 vor die Tore des damaligen Berlin, im heutigen Prenzlauer Berg. In der italienischen Community rund um die Schönhauser Allee richtete ein italienischer Orgelbauer eine Werkstatt ein, die zur Grundlage eines Familienimperiums werden sollte. In nur wenigen Jahren entwickelte sich die Werkstatt zur Fabrik weiter, in der Giovanni Battista Bacigalupo zusammen mit seinen Partnern mechanische Musikinstrumente produzieren und weltweit ausliefern ließ – ein gesundes mittelständisches Unternehmen mit zeitweise bis zu 50 Mitarbeitern.

Die selbstspielenden Instrumente waren zu der Zeit sehr beliebt: Selbstspielende Klaviere, sogenannte Pianolas, gehörten zu jeder gutbürgerlichen Einrichtung, eine selbstspielende Geige wurde sogar als achtes Weltwunder gefeiert. Auch die Drehorgeln von Bacigalupo wurden zum Kassenschlager, und selbst mehr als 100 Jahre später steht noch ab und zu ein Leierkasten auf der Schönhauser Allee, gespielt von einem Mann mit Zylinder und einem Plüschaffen auf dem Holzdeckel. Doch als das Grammofon und der Rundfunk in den 1920er-Jahren in immer mehr Wohnzimmer kamen, gingen die Umsätze für Drehorgeln, Spieldosen und Pianolas zurück, und sie gerieten zunehmend in Vergessenheit. Heute umweht den Leierkasten an der Schönhauser Allee nur noch ein kräftiger Hauch von Nostalgie und Museum.

Musikstreamingdienste lösen alte Datenträger wie die Schallplatte, die Musikkassette und die CD ab.

 

Heute: Der Siegeszug von Spotify, Soundcloud und Co.

Aber zurück in die jüngere Vergangenheit: Anfang der 90er-Jahre wurden Schallplatten und Musikkassetten von der damals noch relativ neuen CD mehr und mehr vom Markt verdrängt. Diese wiederum erreichte 1997 ihren wirtschaftlichen Höhepunkt. Der Abstieg der CD begann mit der Einführung des MP3-Standards sowie dem Start der Tauschbörse Napster. Der Abwärtstrend verstärkte sich durch die massenhafte Produktion von CD-Brennern und den Anstieg digitaler Angebote. Dennoch, die Musik-CD bleibt hartnäckig auf dem Markt, auch wenn die Umsätze mit dem Speichermedium immer weiter sinken.


Rettung durch Retro? 

Modetrends und Musikstile kommen immer wieder. Aber wie sieht es bei der Technik aus? Seit einigen Jahren findet man wieder vermehrt Schallplattenspieler bei jungen Leuten, die sonst eher auf modernere Endgeräte setzen. Aber auch wenn sich ein Medium wie die Schallplatte bei den Jüngeren, bei DJs und Liebhabern der Vinylscheiben neuer Beliebtheit erfreut, verebbt die Retrowelle mit verschwindend geringen Marktanteilen. Die Großen der Branche surfen lieber auf den reißenden Wellen der Musikstreaming-Dienste, die mit einem Wachstum von 106 Prozent im letzten Jahr alle Prognosen übertroffen haben. 

Laut einer Bitkom-Studie hören mittlerweile 37 Prozent der deutschen Internetnutzer Musik übers Netz – das sind 20 Millionen Menschen. Natürlich kaufen viele von ihnen auch noch CDs oder auch Schallplatten, aber Musikkassetten findet man höchstens noch auf dem Trödelmarkt oder in der Kindheitserinnerungskiste von Freunden.

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Warum ein Bleistift für das Abspielen von Kassetten notwendig war, verstehen nur Kinder der 80er-Jahre.
Quelle: Giphy

 

Disruption, na und?

Die Beispiele zeigen, dass die Verdrängung alter Technologien durch technische Innovationen keine neue Erscheinung des digitalen Zeitalters ist. Disruption ist Alltag in einer Wirtschaftswelt, die bei konkurrierenden Unternehmen die stetige Entwicklung neuer Produkte fördert. Vor diesem Hintergrund erscheint es merkwürdig, dass sich der „natürliche“ Prozess der Disruption in Deutschland oft als German Angst manifestiert.

Neue technische Entwicklungen sind immer eine Gefahr für Unternehmen – aber nur, wenn diese nicht selbst nach Innovationen suchen. Das gilt für alle Branchen. Kein Unternehmer, weder früher noch heute, hatte je die Sicherheit, dass seine Produkte und Geschäftsmodelle über Jahrzehnte hinweg erfolgreich sein würden. Mit der Zeit zu gehen ist kein Credo der Digitalisierung. Und auch im oft kritisierten Mittelstand gibt es viele, die mit gutem Beispiel vorangehen und ihre Unternehmensstrategie an die veränderten Umstände des digitalen Zeitalters anpassen.

Sie entscheiden sich für einen Weg, der sie vor der Disruptionsfalle schützt. Sie sehen das Potenzial der Digitalisierung, beispielsweise im Vertrieb und bei der Neukundengewinnung – und investieren dementsprechend, um diese Wettbewerbsvorteile nutzbar zu machen. Alle anderen können mit ein bisschen Starthilfe aber ebenso nachziehen.

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Blogbeitrag von Patrick Scherfeld

Patrick Scherfeld ist Redakteur bei der mds. Agenturgruppe. Er schreibt in Berlin zu strategischen und operativen Themen der Produkt- und Vertriebskommunikation.
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